Kindeswohlgefährdung

Spät aber im Zuge der Reform des Schulgesetzes hat nun seit 2011 auch in Hessen nach einigen Initiativen ein Passus Einzug gehalten, der an Schulen den Umgang mit der Kindeswohlgefährdung behandelt. Er spricht nur sehr pauschal von einer Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und lässt den vorausgehenden Weg der Abwägung, ob denn eine Kindeswohlgefährdung vorliegen könnte, völlig unberücksichtigt. Man kann das jetzt bemängeln oder positiv auffassen, dass man in kein starres Verhaltenskorsett gepresst wird. Andererseits ist man wahrscheinlich bisweilen in der Situation, sich lieber von einer Fachkraft oder Institution beraten lassen zu wollen, bevor man den Weg zum Jugendamt geht. Nur wer trägt etwaige Kosten, wenn das nicht gesetzlich vorgeschrieben ist? Mit einer Meldung beim Jugendamt, macht man nichts verkehrt. Aber muss man jetzt Angst vor Strafe haben, wenn man untätig ist? Wer kann denn sicher beurteilen, wann eine Gefährdung des Wohls des Kindes vorliegt? Für die dem KJHG unterstehenden und damit auch im Geltungsbereich des § 8a SGB VIII befindlichen Einrichtungen ist es eben die Kinderschutzfachkraft.

Fazit: Beratung lieber frühzeitig suchen und im Zweifel lieber zu oft als zu wenig dem Jugendamt melden. Andererseits auch nicht panisch werden, im Zweifel werdet ihr begründen müssen, warum ihr bei einem aufgedeckten Vorfall eventuell nicht oder spät reagiert habt. Aber Folgen wegen einer Unterlassung werdet ihr wohl nur befürchten müssen, wenn ihr absolut augenfällige Anzeichen ignoriert. Aber da werden wir doch wohl alle aktiv?!

Aktualisierung 2014:

Seit 2012 gibt es nun als Ergänzung den §8b SGB VIII der den Personenkreis welcher einen Anspruch auf Beratung durch eine "erfahrene Fachkraft" hat deutlich erweitert und auch Mitarbeiter einer Schulkinderbetreuung ohne Betriebsgenehmigung mit einschließt. Dieser Anspruch wurde ebenfalls für den Bereich Schule ins neue Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) aufgenommen.

Anschauliche Praxisbeispiele zur Handhabung enthält eine Broschüre zum Frankfurter Modell, die hier heruntergeladen werden kann:

https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/120928_Frankfurter%20Modell%20zum%20Schutz%20von%20Kindern%20und%20Jugendlichen%20in%20der%20Schule_bf_abA7.pdf

oder auf Nachfrage bei über mich erhältlich ist.

 

hess. Schulgesetz:

 

Recht auf Bildung und Auftrag der Schule

§3 Grundsätze für die Verwirklichung

(10) Die Schule arbeitet mit den Jugendämtern zusammen. Sie soll das zuständige Jugendamt unterrichten, wenn Anhaltspunkte für eine Gefährdung oder Beeinträchtigung des Wohls einer Schülerin oder eines Schülers bekannt werden. Dies gilt auch für Schulen in freier Trägerschaft.

(Quelle: https://www.kultusministerium.hessen.de/irj/HKM_Internet?cid=c1f7ee3ac049d51fa14df6f30a1b156a )

§ 8a SGB VIII Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung

(1) Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen. Soweit der wirksame Schutz dieses Kindes oder dieses Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird, hat das Jugendamt die Erziehungsberechtigten sowie das Kind oder den Jugendlichen in die Gefährdungseinschätzung einzubeziehen und, sofern dies nach fachlicher Einschätzung erforderlich ist, sich dabei einen unmittelbaren Eindruck von dem Kind und von seiner persönlichen Umgebung zu verschaffen. Hält das Jugendamt zur Abwendung der Gefährdung die Gewährung von Hilfen für geeignet und notwendig, so hat es diese den Erziehungsberechtigten anzubieten.
(2) Hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für erforderlich, so hat es das Gericht anzurufen; dies gilt auch, wenn die Erziehungsberechtigten nicht bereit oder in der Lage sind, bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos mitzuwirken. Besteht eine dringende Gefahr und kann die Entscheidung des Gerichts nicht abgewartet werden, so ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind oder den Jugendlichen in Obhut zu nehmen.
(3) Soweit zur Abwendung der Gefährdung das Tätigwerden anderer Leistungsträger, der Einrichtungen der Gesundheitshilfe oder der Polizei notwendig ist, hat das Jugendamt auf die Inanspruchnahme durch die Erziehungsberechtigten hinzuwirken. Ist ein sofortiges Tätigwerden erforderlich und wirken die Personensorgeberechtigten oder die Erziehungsberechtigten nicht mit, so schaltet das Jugendamt die anderen zur Abwendung der Gefährdung zuständigen Stellen selbst ein.
(4) In Vereinbarungen mit den Trägern von Einrichtungen und Diensten, die Leistungen nach diesem Buch erbringen, ist sicherzustellen, dass
1.
deren Fachkräfte bei Bekanntwerden gewichtiger Anhaltspunkte für die Gefährdung eines von ihnen betreuten Kindes oder Jugendlichen eine Gefährdungseinschätzung vornehmen,
2.
bei der Gefährdungseinschätzung eine insoweit erfahrene Fachkraft beratend hinzugezogen wird sowie
3.
die Erziehungsberechtigten sowie das Kind oder der Jugendliche in die Gefährdungseinschätzung einbezogen werden, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird.
In die Vereinbarung ist neben den Kriterien für die Qualifikation der beratend hinzuzuziehenden insoweit erfahrenen Fachkraft insbesondere die Verpflichtung aufzunehmen, dass die Fachkräfte der Träger bei den Erziehungsberechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken, wenn sie diese für erforderlich halten, und das Jugendamt informieren, falls die Gefährdung nicht anders abgewendet werden kann.
(5) Werden einem örtlichen Träger gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder eines Jugendlichen bekannt, so sind dem für die Gewährung von Leistungen zuständigen örtlichen Träger die Daten mitzuteilen, deren Kenntnis zur Wahrnehmung des Schutzauftrags bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a erforderlich ist. Die Mitteilung soll im Rahmen eines Gespräches zwischen den Fachkräften der beiden örtlichen Träger erfolgen, an dem die Personensorgeberechtigten sowie das Kind oder der Jugendliche beteiligt werden sollen, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird.
(Quelle: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__8a.html)

 

§ 8b
Fachliche Beratung und Begleitung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen

(1) Personen, die beruflich in Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen stehen, haben bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung im Einzelfall gegenüber dem örtlichen Träger der Jugendhilfe Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft.

(2) Träger von Einrichtungen, in denen sich Kinder oder Jugendliche ganztägig oder für einen Teil des Tages aufhalten oder in denen sie Unterkunft erhalten, und die zuständigen Leistungsträger, haben gegenüber dem überörtlichen Träger der Jugendhilfe Anspruch auf Beratung bei der Entwicklung und Anwendung fachlicher Handlungsleitlinien

  1. zur Sicherung des Kindeswohls und zum Schutz vor Gewalt sowie
  2. zu Verfahren der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an strukturellen Entscheidungen in der Einrichtung sowie zu Beschwerdeverfahren in persönlichen Angelegenheiten.

Vorschrift eingefügt durch das Gesetz zur Stärkung eines aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichen (Bundeskinderschutzgesetz) vom 22.12.2011 (BGBl. I S. 2975) m.W.v. 01.01.2012.

Quelle: https://dejure.org/gesetze/SGB_VIII/8b.html

 

Wikipedia (Stand 25.03.2012):

Kinderschutzfachkraft

Kinderschutzfachkraft ist die alternative Bezeichnung für insoweit erfahrene Fachkraft. Diese muss laut Achtes Buch Sozialgesetzbuch § 8a Absatz 2 SGB VIII – „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ – durch Träger der Jugendhilfe bei der Gefährdungseinschätzung für ein Kind beratend hinzugezogen werden. Kinderschutzfachkraft hat sich in der Jugendhilfe als präziser und verständlicher als "insoweit erfahrene Fachkraft" erwiesen und sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt. Diese Entwicklung greift der Referentenentwurf eines neuen Bundeskinderschutzgesetzes (BkiSchG, 22. Dezember 2010) mit der Neuformulierung des § 8a im Absatz 4 Satz 3 SGB VIII auf und verwendet dementsprechend im Folgenden konsequent den Begriff Kinderschutzfachkraft.

Vorgehen

Die Kinderschutzfachkraft hilft der zuständigen Fachkraft (z.B. Erzieher/innen) als unparteiische Instanz das individuelle Risiko für ein Kind einzuschätzen, eine Gefährdung seines Wohls zu erleiden. Sie unterstützt und berät dabei, gemeinsam ein qualifiziertes Hilfs- und Schutzkonzept für das betreffende Kind zu erstellen. Dadurch sollen Fehlentscheidungen zum Nachteil von Kind und Familie verhindert werden. Die Kinderschutzfachkraft nimmt keinen Kontakt zu den Eltern oder Erziehungsberechtigten auf.

Qualifikationen

  • pädagogische oder psychologische Ausbildung (Dipl.-Pädagogik, Dipl.-Sozialpädagogik, Dipl.-Sozialarbeit, Dipl.-Heilpädagogik, Dipl.-Psychologie) oder Ausbildung zur/m Erzieher/in mit einschlägigen Zusatzausbildungen oder in Leitungsfunktion qualifizierten Berufsabschluss,
  • mehrjährige Praxiserfahrung und Erfahrungen mit Praxisfällen im Kinderschutz
  • Zusatzqualifikation im Bereich der Wahrnehmung, Beurteilung und des Handelns im Kinderschutz sowie
  • ausgewiesene Handlungskompetenzen im Sinne eines in der Praxis anerkannten Aufgabenprofils.

Praxis

Seit Inkrafttreten des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz – KICK) vom 8. September 2005 (BGBl. S.2729) sind durch die Bildungsakademie BiS, dem Deutschen Kinderschutzbund Landesverband NRW e.V. und dem Institut für Soziale Arbeit Münster e.V. (ISA) ca. 2500 Kinderschutzfachkräfte in Kursen zertifiziert worden. Die bundesweite Anzahl der Kinderschutzfachkräfte wird nicht zentral erfasst, ebenso wenig die Einsatzhäufigkeit.

Der Einsatz der Kinderschutzfachkraft ist im Alltag der Jugendhilfe trotz gesetzliche Vorgabe nicht selbstverständlich. Die Übernahme der Kosten ist gesetzlich nicht geregelt und wird regional unterschiedlich von den Jugendhilfe-Trägern gehandhabt.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderschutzfachkraft

 

Erweitertes polizeiliches Führungszeugnis

Seit dem 01.05.2010 wird das erweiterte polizeiliche Führungzeugnis für Personen ausgestellt, die in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig sind. Es gibt zusätzlich Auskunft über verübte Sexualstraftaten. Es wird beim Ordnungsamt  unter Vorlage der Anforderung des Arbeitgebers beantragt und kostet 13,00 €,  die für ehrenamtlich Tätige erlassen werden kann.

(Quelle und mehr Infos zur Beantragung: https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=3749&_ffmpar[_id_inhalt]=7600584)

 

Mit der Verabschiedung des Bundeskinderschutzgesetzes müssen Einrichtungen die dem SGB unterliegen auch von nebemberuflich und ehrenamtlich tätigen MitarbeiterInnen das erw. poliz. Führungszeugnis verlangen.

Hierzu Infos von der LAG Hessen (Dachverband Kindereinrichtungen in freier Trägerschaft):

(Quelle: https://www.laghessen.de/pdf/20120220%20RuBri%20BKiSchG.pdf)

 

In dem Bundeskinderschutzgesetz wurden auch Änderungen des SGB VIII integriert, nur gilt das SGB ja nicht für Betreuungseinrichtungen, die als schulische Einrichtung dem Schulgesetz unterliegen. Von daher bin ich auch noch unsicher, inwieweit wir bzgl. des erweiterten Führungszeugnises wirklich gesetzlich dazu verpflichtet sind, ohne die Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen. An wem bleiben die Kosten wohl hängen?

Hier das BKiSchG: BKiSchG%20Gesetzblatt%2028.12.11.pdf (713,5 kB)

Nach meinen Recherchen müssen Lehrer in Hessen inzwischen bei Neuanstellungen/Referendariaten ein solches Führungszeugnis vorlegen, nicht aber das bereits bestehende pädgog. Personal. Werde mal eine Anfrage beim Schulamt starten.

 

Eine informative Broschüre der Parität und des Kinderschutzbundes zum Download erhaltet ihr hier (oder auf Anfrage von mir zugeschickt)

https://www.pjw-nrw.de/content/e458/e774/e9032/